§ 27—29.]                Die Vokale.                        15

3. Wahrscheinlich ist die später durch Schreibungen
erwiesene Dehnung vor tönenden Consonantengruppen
schon früh eingetreten (z. B. vor nd, ld, rd, rn); vgl. in
späteren Texten : feeld Feld, eelde Alter, foerstoenden verstehn.

Auch für das Ae. sind die entsprechenden, im Me.
durchgeführten Dehnungen vielleicht schon anzusetzen.

Die Bezeichnung dieser Dehnung ist unterlassen, weil
der Umfang derselben noch nicht genügend geklärt ist,
auch über die Zeit des Eintretens die Meinungen geteilt
sind.   Die bei Siebs mehrfach hervortretende Ansicht,
daß die Dehnung nur vor tantosyllab. -nd etc. eingetreten,
widerspricht der engl. Entwicklung. Das Mkent. hat umgekehrt
ald, ealde (== ae. eald) alt, lang, lōnge (ae. lang);
vgl. auch hannd, hānde bei Orrm. —

Wie im Engl. ist bei silbenbildender Liquida und
Nasalis in der Folgesilbe wahrscheinlich keine Dehnung
eingetreten, also z. B. in under, wunder, sculder, gerdel,
gelden, alder (?), hunger (anders Siebs).

§ 28. Kürzung.

ursprünglich langer Vokal wird gekürzt:

1. In tieftoniger Silbe: ieftha oder, sceltata Schultheiß,
selik solch.

2. Vor Geminata: bennon Prt. zu bonna, hladdergong
neben hlēdere, Leiter, eddera Ader (ae. ǣdre), riddere
Ritter, uttera, uttrist äußere, -ste, elleva == 11, latte führte,
hammerke Hammrich, Dorfmark, (n)anne zu (n)ēn, arra (ae.
ǣrra) eher.

3. Wahrscheinlich vor gewissen Consonantenverbindungen:
lichte leicht, sochte suchte, brochte brachte, lasta
leisten, famne, Frau, andlova == 11.

Anm. a ist das Produkt der Kürzung von ē == *ai (-i), *au = i,
vgl. latst zu lēda leiten, statst zu stēta stoßen. Ähnlich esant zu
sēnda mit gedehntem e. —

§ 29. Hiatus und Kontraktion, im wesentlichen wie
im Ae.
