4                        Allgemeines.                   [§ 5. 6.

§ 5. Das Afries. und das Kent.

1. Nur das Kent. hat e, ē als i-Umlaut von u, ū
wie das Afries.: akent. ȝelden (wests. y) golden, ontēnan
(wests. ȳ) öffnen; afries. gelden golden, bregge Brücke,
kētha künden.

2. Afries. a == i-Umlaut von a vor Nas. entspricht
dem akent. æ, das auch in altwests. Dkmm. erscheint,
gegenüber gemein ae. e, akent. mæn (ae. men) Männer ==
afries, man.

3. Silbenauslautendes ȝ nach Palatalen übergehend
zu i ist "speziell kentisch" und ein Hauptmerkmal dieses
Dialekte (Sievers 3 § 214, 2): akent., afries. dei Tag, vgl.
übrigens auch spätwests. daiȝ, Tag, weiȝ, Weg; me. herrscht
dai, wei in allen Dialekten.  Es zeigt sich also hierin
eigentlich kaum eine spezielle Übereinstimmung mit dem
Kent., wie gewöhnlich betont wird, sondern die Erscheinung
ist besser unter § l, 3 zu stellen.

4. Schwund von ȝ nach pal. Vokalen vor d und n
ist wests., aber nach Ausweis des Me. auch für das Kent.
charakteristisch: ws. brēdan (bregdan) schwingen, onȝēan
wieder, rīnnan (rignan) regnen; me. (kent. und sdw.) sēde
sagte.

Vgl. afries. (besonders wfries.) toiēnis, gegen, nwfries.
brēn Gehirn, nēle Nagel. Derartige Formen scheinen zumal
dem Westfries, (und Nordfries.) eigentümlich zu sein.

§ 6. Das Afries, und das Anglische.

1. Wgerm. ā und *ai-i sind im Angl. geschieden als
ē und ǣ, während sie im Wests, unter ǣ, im Kent. unter
ē zusammenfallen; ebenso zeigen das heutige Saterld. und
das Nordfries, der Küste Scheidung, so daß afries. ē ==
wgerm. ā als geschlossen, der i-Umlaut von *ai (und *ai)
aber als offenes ē anzusetzen ist:

ws. rǣd. kent. rēd, angl. rēd, afries. rēd Rat.
ws. dǣl, kent. dēl, angl. dǣl, afries. dēl Teil,

2. Das Wests. und Kent. zeigen die Brechung ea vor