Allgemeines.

§ l. Die wichtigsten Eigentümlichkeiten, welche das
Fries, mit dem Engl. gegenüber den anderen germ. Sprachen
gemeinsam hat, so daß beide eine besondere Gruppe innerhalb
des Westgerm. bilden, sind die folgenden:

1. a) Tonerhöhung des wgerm. a in geschlossener
Silbe (ae. æ, afries. e), während a erhalten bleibt in offener
Silbe vor dunklem Vokal der Folgesilbe: ae. stæf, afries.
stef Stab.

b) ae. æ̂ (angl. ē), afries. ē == wgerm. ā außer vor
w (und g?): ae. rǣd, afries. rēd Rat.

2. a) Kurzer Vokal wird vor Nasal + tonloser
Spirans unter Ausfall des Nasals gedehnt: tōth Zahn, fīf
fünf, sūth Süden, brō̆hte brachte.

b) Nasaliertes a (westfries, und westsächs.-kent. a,
ostfries. und angl. o) = wgerm. a vor Nasal: man, mon
Mann.

c) ō (aus nasaliertem ā) = wgerm. a vor Nasal und
an vor tonloser Spirans: mōna (ahd. māno) Mond, brōhte
brachte.

d) i und u == wgerm. e und o vor einfachem Nasal:

nima(n) nehmen, ae. huneȝ, afries. hunig Honig.

3. a) Palatalisierung von wgerm. c (k) und g im Anlaut
vor primären Palatalvokalen, im Inlaut vor i, j: ae.
ceāke (ne. cheek), afries. zi̯āke, Backe, ae. sprǣc (ne. speech),

Heuser, Altfriesisches Lesebuch,                          l